Gefüge

Erstarrung ; Dendriten und Seigerungen

 
Folgende Darstellung und Erklärung wird am Beispiel eines 1.5535 - 22MnB4 gemacht.
Strangguss - elektromagnetisch gerührt - warmgewalzt auf 13,00 mm rund - keine Wärmebehandlung.

Erstarrung heißt der Übergang vom flüssigen in den festen Zustand. Erstarrungsvorgänge verlaufen unter Freisetzung von Wärme ab (exothermer Vorgang). Die bei der Erstarrung freigesetzte Wärme kann entweder über die Schmelze oder über den erstarrten und wachsenden Kristall abgeführt werden. Bei der Erstarrung von Stahl (z.B. beim Stranggießen) bilden sich verschiedene Gefügezonen aus. In der Regel führen die üblichen Gießbedingungen zur Ausbildung eines Primärgefüges, das aus drei Zonen besteht: einer fein-globularen Randzone, einem transkristallinen Bereich (dendritische Zone) und der grob-globularen Kernzone. Im allgemeinen erstarren Stähle fast ausschließlich dendritisch. Aus diesem Grund sind sie mikroskopisch betrachtet als inhomogen zu bezeichnen. Nahe der Erstarrungsfront weist die Schmelze keine konstante chemische Zusammensetzung auf. Die zuerst erstarrenden Bereiche sind ärmer an Kohlenstoff und anderen Legierungselementen. Die interdendritischen Zwischenräume sind mit Kohlenstoff und Legierungselementen angereichert. Die sich dadurch ergebenden leichten Konzentrationsunterschiede werden als Primärseigerung / Kristallseigerung / Mikroseigerung bezeichnet. Die Mikroseigerungen sind bei der Erstarrung der Stahlschmelze nicht zu vermeiden, stellen aber für das spätere Werkstoffverhalten keine gravierenden Probleme dar. Im Inneren des Erstarrungsquerschnitts kann es zu stärkerer Anreicherung von Legierungselementen und Verunreinigungen kommen. Diese Kernseigerungen / Makroseigerungen sind allgemein als ungünstig zu bewerten. In diesen inhomogenen Bereichen stellen sich andere Umwandlungsparameter ein, die sich nachteilig bei der weiteren Verarbeitung (z.B. durch höhere Kernfestigkeiten) und Wärmebehandlung (z.B. beim Härten durch abweichende Ac1 und Ac3 Punkte) auswirken können.

Beim Auftreffen der flüssigen Schmelze auf die gekühlte Kokillenwand kühlt diese auf Temperaturen unterhalb der Schmelztemperatur ab. An der Formwand werden unzählige Keime gebildet, die im weiteren Verlauf zu einer feinkristallinen, globulitischen Randzone heranwachsen. Bei diesem Vorgang handelt es sich um heterogene Keimbildung (durch Fremdkeime bzw. Kristallisatoren ausgelöst). Die Temperatur im Kristall ist niedriger als in der Schmelze. Die Wärme wird über den Kristall abgeführt und die Erstarrungsfront bleibt eben (glattwandige Erstarrung). Wenn ein Kristall an der Erstarrungsfront hinaus in die Restschmelze wächst, so bildet er sich aufgrund der höheren Umgebungstemperatur wieder zurück. Punkt 1 im Bild
Durch die weitere Abkühlung werden nach einiger Zeit Bedingungen erreicht, die eine dendritische Erstarrung ermöglichen. Dendriten bilden sich nur in einer unterkühlten Schmelze. Die Ünterkühlung kann auf zwei Arten erfolgen. Die erste Möglichkeit ist thermischer Art (thermische Unterkühlung) und im anderen Fall wird die Unterkühlung durch Konzentrationsanreicherung vor der Erstarrungsfront (konstitutionelle Unterkühlung) erreicht. Man unterscheidet zwischen gerichteten, orientierten und ungerichteten Dendriten. Die jeweilige Ausbildungsform und Anordnung im Erstarrungsgefüge ist von den Abkühlbedingungen (Bedingungen des Wärmetransports) abhängig. Die Wärmeleitung in der festen und der flüssigen Phase spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Dendriten und deren Wachstum. Die Temperatur in der Schmelze ist niedriger als im Kristall. Die Wärme wird über die Schmelze abgeleitet und die Erstarrungsfront ist uneben (dendritische Erstarrung). Wenn ein Kristall über die Erstarrungsfront hinaus in die Restschmelze wächst, so kristallisiert an ihm die kalte Schmelze und er kann schnell, oft unter Verzweigung in alle Richtungen, weiter wachsen. Die dendritischen Kristalle bestehen aus primären, sekundären und tertiären Armen. Eine gerichtet dendritische Erstarrung tritt auf wenn eine Schmelze überhitzt ist. Bei Unterkühlung der Schmelze wird eine ungerichtete Erstarrung ermöglicht. Punkt 2 - 4 im Bild
Mit zunehmendem Abbau der Überhitzung in der Restschmelze werden die Dendriten immer länger. Durch die mechanische Instabilität der langen Dendritenarme brechen Teile davon ab und bilden den Grundstein für die globulitische Kristallbildung. Die Fragmente der abgebrochenen Dendriten dienen als Keime für die Globuliten. Durch elektromagnetisches Rühren ist man in der Lage diesen Zeitpunkt vorzuverlegen. Der Wärmetransport an der Erstarrungsfront und in der Restschmelze wird begünstigt und führt zu einem schnelleren Überhitzungsabbau. Gleichzeitig wird durch das Rühren verhindert dass die neugebildeten Globulite wieder einschmelzen. Punkt 5 im Bild
Im Mittenbereich kann sich dann noch unter ungünstigen Bedingungen durch starke Anreicherung von Legierungsbestandteilen eine Makroseigerung ausbilden. Punkt 6 im Bild

1 = fein globulitisch erstarrte Oberfläche
2 = gerichtet dendritisch erstarrter Randbereich
3 = orientiert dendritisch erstarrter Übergangsbereich
4 = ungerichtet dendritisch erstarrter Übergangsbereich
5 = grober globulitisch erstarrter Kernbereich
6 = Kernseigerung

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