Gefüge

Aufbau und Gefüge in einer Nitrierzone

 
Aufbau der Nitrierzone :
Die Nitrierzone setzt sich aus mehreren Schichten zusammen.

 Schematisch

 Mikroskopisch

Verbindungsschicht :
Ganz außen befindet sich eine Verbindungsschicht (kurz VS genannt) die aus Eisennitriden besteht. Sie ist aus epsilon-Nitrid und aus gamma'-Nitrid zusammengesetzt. Die Verbindungsschicht hat eine sehr hohe Härte und verbessert die Verschleißeigenschaften des Werkstücks. Die Dicke der Schicht nimmt mit der Nitrierdauer und -temperatur zu und die chemische Zusammensetzung wird durch das Angebot an Stickstoff bestimmt. Im geätzten Schliff ist die Verbindungsschicht an einem dünnen weißen Saum, der sich direkt an der Oberfläche befindet, zu erkennen. In Kombination mit der VS treten Poren im Oberflächenbereich auf. Sie bilden sich aufgrund des hohen Stickstoffanteils in dieser Zone. Durch die Vereinigung von Stickstoffatomen zu Stickstoffmolekülen entsteht lokal ein so hoher Druck im Gefüge, dass es zu mikroskopisch kleinen Hohlräumen, die mit der Zeit größer werden, kommen kann. Meistens treten diese Poren in Form eines Saums (sogenannter Porensaum) direkt an der Oberfläche auf, können aber auch perlschnurartig entlang von Korngrenzen oder parallel zur Oberfläche (möglicherweise entlang von Phasengrenzen) ausgerichtet sein. Die Dicke der mit Poren durchsetzten Schicht nimmt schneller zu als die Dicke der Verbindungsschicht insgesamt. Bei einer geringen Tiefe der VS ist daraus resultierend auch der Porensaum schwächer ausgeprägt. Allgemein ist die Bildung der Poren nicht zu vermeiden. Legierte Stähle neigen weniger stark zur Bildung eines Porensaums als unlegierte Güten.

Diffusionszone (Ausscheidungsschicht) :
Der Aufbau der Diffusionszone / Ausscheidungsschicht wird durch den Grundwerkstoff des Bauteils sowie durch die Nitrierdauer und -temperatur bestimmt. Je höher der Gehalt an nitridbildenden Elementen ist, desto höher ist die erreichte Randhärte und Verfestigung. Gleichzeitig nimmt die Tiefe der Nitrierschicht ab. Als nitridbildende Elemente sind vorrangig Aluminium, Chrom, Molybdän und Vanadin zu nennen. Stähle die zur Gruppe der Nitrierstähle gehören sind mit diesen Elementen legiert (z.B. 34CrAlMo5 , 31CrMoV9 , 39CrMoV13-9 , 14CrMoV6-9). Der nitrierte Bereich ist aufgrund submikroskopischer Nitridausscheidungen schneller anätzbar und ist deshalb an einem dunklen Saum zu erkennen. Die Diffusionszone ist ebenfalls hart und bildet die zähere und stützende Unterschicht für die Verbindungsschicht. Die durch Stickstoffaufnahme ausgelösten submikroskopischen Ausscheidungen von Nitriden und der dadurch bedingten Volumenzunahme sind der Grund für eine starke Erhöhung der Druckeigenspannungen. Dies führt zu einer hohen Härtesteigerung in einer Nitrierschicht. Stähle die mit Aluminium legiert sind erreichen gegenüber chromlegierten Stählen eine wesentlich höhere Härtesteigerung. Der Grund dafür liegt in der größeren Volumenänderung bei der Bildung von Aluminiumnitriden im Vergleich zu Chromnitriden. Mit dem Nitrieren ist teilweise eine Umverteilung des Kohlenstoffs im Randgefüge verbunden. Sind Stähle mit Elementen legiert die sowohl Nitridbildner als auch Karbidbildner sind, wird der Kohlenstoff aus diesen Verbindungen vom Stickstoff verdrängt. Dies betrifft sowohl den legierten Zementit, z.B. (Fe, Cr)3C, als auch vorhandene Sonderkarbide. Durch den Stickstoff werden diese Verbindungen quasi aufgespalten. Der frei gewordene Kohlenstoff scheidet sich als Karbid (sekundärer Zementit) an den Korngrenzen, bevorzugt an den parallel zur Oberfläche liegenden, und unmittelbar vor der Diffusionsfront (ebenfalls parallel zur Oberfläche) aus. Triebkraft dieses Ausscheidungsvorgangs ist die hohe Druckeigenspannung im Gefüge. Die spröden Ausscheidungen von Karbid verringern die Zähigkeit der Ausscheidungsschicht und können Teile der Nitrierschicht zum Abplatzen bringen. Gleichzeitig versucht ein Teil des Kohlenstoffs aus der Probe herauszudiffundieren (Entkohlungswirkung). Dadurch kann es zu einem Kohlenstoffstau im Grenzbereich von Verbindungsschicht zur Ausscheidungsschicht kommen.


Diffusionszone mit Karbidausscheidungen

Grundgefüge des nitrierten Bauteils :
Das Grundgefüge dient als tragende Unterschicht für die gesamte Nitrierzone. Das Grundgefüge eines nitriergehärteten Stahls ist deshalb meistens ein Vergütungsgefüge. Die Härte ist um einiges niedriger als die der Nitrierzone und so ausgelegt, dass eine genügende Zähigkeit des Werkstücks gewährleistet ist. Bei vergüteten Stählen ist darauf zu achten, dass die Anlasstemperatur bei der Wärmebehandlung des Bauteils möglichst um ca. 50°C höher liegt als die Nitriertemperatur. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Kerngefüge durch die Anlasswirkung an Festigkeit verliert. Die erforderliche Stützung der Verbindungsschicht ist abhängig von der auftretenden Flächenpressung an der Oberfläche. Ist die Flächenpressung nur niedrig kann unter Umständen auch ein unlegierter, nicht vergüteter Stahl als Grundwerkstoff eingesetzt werden.

Karbidausscheidungen (Zementit) durch verdrängten Kohlenstoff :
Der Nachweis von Karbidausscheidungen bzw. Zementit auf den Korngrenzen und im Gefüge, sowie die Unterscheidung zu Eisennitrid, kann durch eine Ätzung mit alkalischer Natriumpikratlösung geführt werden. Zementit wird bereits nach 5 Minuten angeätzt. Zu diesem Zeitpunkt ist Eisennitrid nur sehr schemenhaft auszumachen. Nach einer Ätzdauer von 45 Minuten ist Eisennitrid dann ebenfalls stark angeätzt. Ebenfalls kann so eine mögliche Ansammlung von Kohlenstoff sichtbar gemacht werden.


Verbindungsschicht und anschließende Diffusionszone


Kohlenstoffstau im Grenzbereich zur Verbindungsschicht

Allgemeines :
Die Nitrierhärtetiefe ist der Abstand von der Oberfläche bis zu dem Punkt an dem noch eine vorgegebene Härte vorhanden ist. Vor dem Nitrieren ist darauf zu achten das die Oberfläche entkohlungsfrei bearbeitet ist. Ebenfalls müssen die zu nitrierenden Teile sorgfältig gereinigt und entfettet sein. Werkstücke weisen nach dem Nitrieren einen etwas größeren Außendurchmesser auf. Bohrungen fallen im Durchmesser etwas kleiner aus. Je nach Verwendungszweck verbleibt die VS auf der Oberfläche oder wird abgeschliffen. Eine VS bietet einen leichten Korrosionsschutz. Die Härte der Nitrierschicht wird mit Kleinlasthärteprüfung nach Vickers ermittelt. Je nach Werkstoff können Verbindungsschichten eine Härte bis zu 1200 HV und Ausscheidungsschichten bis 1100 HV erreichen.

Nachweis einer Verbindungsschicht :
Das Vorhandensein einer Verbindungsschicht kann durch eine Tüpfelprobe nachgewiesen werden. Dabei werden einzelne Tropfen einer wässrigen 10 %igen Kupferammoniumchlorid-Lösung auf das Werkstück getröpfelt. Die Oberfläche des Prüflings muß fettfrei sein. Bei ausreichender Dicke der Verbindungsschicht (ca. 10 - 15 µm) bleibt die ursprüngliche blaue Farbe des Reagenzmittels mindestens 2 Minuten erhalten. Bei sehr dünnen bzw. porösen Schichten oder wenn keine VS vorhanden ist, wird nach kurzer Einwirkzeit ein Farbwechsel zu rot sichtbar. Die Rotfärbung beruht auf einer chemischen Reaktion. Kupfer wird durch Eisen aus seiner Verbindung - (NH4)2[CuCl4] * 2 H2O - gedrängt. Dabei wird das freie Kupfer auf der Stahloberfläche ausgefällt. Bei dem Tüpfeltest handelt es sich um ein zerstörungsfreies Prüfverfahren.  

 

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