Korngröße und Gefüge

Einfluss der Temperatur auf die Umkristallisierung

 
Allgemeines :
Die spezifische, arteigene Austenitkorngröße und die Eigenschaften der Kornwachstumsbeständigkeit bei höheren Temperaturen und längeren Wärmebehandlungszeiten ist durch die jeweilige Schmelzanalyse festgelegt bzw. begründet.
Beim vollständigen Durchlaufen einer alpha ---> gamma und anschließenden gamma ---> alpha Umwandlung wird das Gefüge und die Korngröße immer wieder vollständig neu gebildet. Dabei spielt es keine Rolle ob, zum Zweck des Härtens / der Martensitbildung, in Öl oder in Wasser abgeschreckt wird oder ob, wie beim Normalisieren / der Perlitisierung, an Luft abgekühlt wird. Diese Tatsache macht man sich z.B. auch beim Normalisieren zu Nutze um ein grobes Schmiedekorn wieder feinkörnig zu bekommen.
Zur besseren Veranschaulichung habe ich unten Bilder von zwei Versuchsreihen dargestellt, die die Umkristallisation am Beispiel eines untereutektoiden Vergütungsstahls (55Cr3) und eines übereutektoiden Vergütungsstahls (100Cr6) anschaulich darstellt. Zum Vergleich sehen Sie Bilder einer Härtung bei dem Werkstoff entsprechender Normaltemperatur und einer Härtung bei Überhitzungstemperatur. Bei Härtung von Normaltemperatur konnte ein feinkörniges martensitisches Gefüge festgestellt werden. Proben die von Überhitzungstemperatur abgeschreckt wurden zeigten ein grobkörniges Martensitgefüge. Im jeweils dritten Bild wurde die überhitzt gehärtete Probe noch einmal austenitisiert und anschließend bei normaler Härtetemperaur abgeschreckt. Die Rekristallisation / das Umkristallisieren in Richtung Feinkorn ist eindeutig zu erkennen. Die gleichen Mechanismen laufen grundsätzlich auch bei allen anderen Stählen ab.

Besonderheiten :
Vorausgesetzt der Ausgangszustand der zu härtenden Proben ist Weich- oder GKZ-geglüht, dann gehen beim Härten von höheren Temperaturen und/oder längeren Haltezeiten im allgemeinen mehr Karbide in Lösung. Dies ist besonders bei den übereutektoiden Stählen von Bedeutung. Wie im Beispiel bei 1000° zu sehen ist, sind alle Karbide in Lösung gegangen. Aufgrund dieser Tatsache liegt jetzt neben dem Martensit auch noch unerwünschter Restaustenit im Gefüge vor. Eine erneute Härtung, diesmal von richtiger Härtetemperatur, kann diesen Gefügezustand nicht wieder vollständig beseitigen. In Seigerungsbereichen scheiden sich zwar wieder feine Karbide aus (gemäß der Kohlenstofflöslichkeit des Austenit - Linie "SE" im Eisen-Kohlenstoff-Diagramm), aber, aufgrund der zu geringen Haltezeit und der hohen Abkühlgeschwindigkeit beim Abschrecken, findet kein vollständiger Ausgleich des zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Übersättigungszustandes des Austenit statt. Örtlich bleibt in diesen Zonen auch noch etwas Restaustenit im Gefüge.

Ergebnisse zum Werkstoff 55Cr3 :
825° C - Korngröße 10 - 12 einzelne Körner bis ca. 18 µm Durchmesser (KG 8)
975° C - Korngröße 7 - 9 einzelne Körner bis ca. 45 µm Durchmesser (KG 6)
975° + 825° C - Korngröße 10 - 12 einzelne Körner bis ca. 18 µm Durchmesser (KG 8)
Ergebnisse zum Werkstoff 100Cr6 :
850° C - Korngröße 10 - 12 einzelne Körner bis ca. 16 µm Durchmesser (KG 9)
1000° C - Korngröße 4 - 6 einzelne Körner bis 180 µm Durchmesser (KG 3)
1000° + 850° C - Korngröße 10 - 12 einzelne Körner bis 20 µm Durchmesser (KG 8)

Aufnahmevergrößerung bei allen Bildern : 500 : 1

1. Versuchsreihe zum untereutektoiden Werkstoff 1.7176 (55Cr3) :

Bild 1 : 825° C / 30 Minuten / Öl
   

Bild 2 : 975° C / 30 Minuten / Öl
   

Bild 3 : 975° C / 30 Minuten / Öl  +  825° C / 30 Minuten / Öl
   

2. Versuchsreihe zum übereutektoiden Werkstoff 1.3505 (100Cr6) :

Bild 1 : 850° C / 30 Minuten / Öl
   

Bild 2 : 1000° C / 30 Minuten / Öl
   

Bild 3 : 1000° C / 30 Minuten / Öl  +  850° C / 30 Minuten Öl
   


 

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